Wenn Claus Ludwikowski sein mittelalterliches Gewand überwirft und die passenden Lederschuhe dazu anzieht, den Strick in der Hand hält und aus seinem Berufsleben erzählt, dann befinden wir uns im Jahr 1525. Zu dieser Zeit ist er als Scharfrichter in Duderstadt unterwegs.


Den Mann, in dessen Rolle der Gerblingeröder regelmäßig schlüpft, den gab es wirklich. Hans Zinke hieß er und war im 16. Jahrhundert nicht nur für Folter und Hinrichtungen im mittelalterlichen Duderstadt zuständig. Als Scharfrichter war er auch Bordellwirt, Hundeschläger, reinigte die Kloake und beseitigte Körper toter Menschen und Tierkadaver. Auch über medizinische Kenntnisse verfügte er, denn die Gefolterten sollten an den Torturen nicht sterben und nach der Folter wieder in ihren Ausgangszustand gebracht werden. Dazu musste sich der Henker mit der Anatomie des Menschen gut auskennen. Als Heiler sicherte er so seine Existenz zusätzlich ab. Eigentlich könnte man meinen, dass der Scharfrichter durch seine vielfältigen Einnahmen ein privilegiertes Leben führte. Das Gegenteil war jedoch der Fall. „Die Kirche darf ich nicht betreten, und in der Gastwirtschaft sitze ich an einem separaten Tisch, falls ich überhaupt hineinkomme“, sagt Hans Zinke. Als einer der reichsten Menschen in der Stadt kann er im Jahr 1525 mit seinem Geld also fast nichts anfangen.

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In der Innenstadt geht es mit ihm an besondere Punkte: Etwa an den Ort, wo früher einmal der Paradiesteich war. Anders als es der poetische Name vielleicht vermuten lässt, war der Teich nicht Treffpunkt für schöne Ereignisse. Nein, hier wurden Kindermörder hingerichtet. „Die Menschen haben Angst vor der Hölle und betteln deshalb um Folter. Sie wollen so ihre Seele retten. Auch die Hinrichtung lassen sie über sich ergehen“, sagt der Scharfrichter. Doch keine Angst, viele Hinrichtungen gab es in der Brehmestadt zu seiner Zeit nicht. Genau 23 in 87 Jahren steht auf einer Hinweistafel in der Folterkammer im historischen Rathaus geschrieben. Natürlich ist dieser Raum einer der Höhepunkte auf der Zeitreise ins 16. Jahrhundert. Hier wird dann auch vorgeführt, wie gefoltert wurde. Beispielsweise durch Daumen- und Beinschrauben, auf der Streckbank oder durch Aufziehen. Bei Letzterem wird der Gefolterte an einem Seil hochgezogen, nachdem ihm Meister Hans die Hände hinter dem Rücken gefesselt hat. Dadurch werden dann Gelenke schmerzhaft ausgekugelt. Weitere Schauplätze sind die Schindergasse, die von der Steintorstraße zum Schindanger führt – im Jahr 2015 trägt sie den Namen Rosengasse – und die Stadtmauer mit Blick auf den Sulberg, wo Scharfrichter Hans die Hinrichtungen durchführt.


Bei seinen Führungen verknüpft der 55-jährige Eichsfelder Ernsthaftigkeit mit historischem Wissen, lässt aber auch viel Humor einfließen. Wer zum Beispiel wissen will, woher das Sprichwort „Den Löffel abgeben“ kommt, erfährt dies vom Scharfrichter. Um seine Rolle authentisch darstellen zu können, hat er sich nicht nur die richtige Kleidung zugelegt, sondern auch viel Literatur verschlungen.

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Neben den öffentlichen Führungen (Termine: 9. & 23. Januar, 6. & 20. Februar, 5. & 19. März 2016. Beginn jeweils um 14.30 Uhr / Anmeldung in der Gästeinfo unter Telefon 0 55 27 / 84 12 00) können auch private Führungen direkt bei Claus Ludwikowski unter Telefon 0 55 27 / 72 601 oder 01 71 / 28 42 987 oder per E-Mail an scharfrichter-hans@web.de angefragt werden. 

Text: Kristin Kunze / Fotos: Iris Blank