Wenn er wollte, könnte er bestimmt blind den Weg von seinem Büro durch die Werkstatt vorbei an den schweren Maschinen und Regalen voll mit Lederstücken, Schnürbändern, Sohlen und Kartons bis zur Eingangstür des Verkaufsraumes und hinaus auf die Straße gehen. Es sind Wege, die älter sind als er selbst. Schon sein Vater August ist sie gegangen. Heute ist Bernhard Frölich auf ihnen unterwegs, wenn auch nicht mehr so beständig. Seit acht Jahren packt Schuhmacher Dietmar Germeshausen aus Ferna mit an und erledigt den Hauptteil der Arbeit. Aber ganz loslassen, das geht auch nicht. Mit 23 Jahren stieg der Nesselröder in die Schuhmacherwerkstatt seines Vaters mit ein. Damals gab es noch fünf Schuhmacher im Ort. Wegen der industriellen Massenproduktion und Billigimporten aus dem Ausland stirbt eines der ältesten Handwerke jedoch langsam aus. Immer mehr Innungen werden geschlossen, Auszubildende gibt es kaum.


Die Kunden kommen heute selten noch persönlich in die Werkstatt – die zu reparierenden Schuhe oder Aufträge für orthopädische Anpassungen werden aus den Schuhgeschäften geliefert, die Sohn Bernd Frölich betreibt. Die Orthopädieschuhtechnik sei zu einem wichtigen Standbein der Schuhmacher geworden, berichtet der Senior. Viele mit einer rosafarbenen Schaumstoffmasse gefüllte Kartons sind daher in der Nesselröder Werkstatt zu finden. Es sind die Fußabdrücke von Kunden. Aus ihnen wird später ein Negativ-Abguss gefertigt, der seine Form wiederum an eine Einlage weitergibt. Zusätzlich dazu helfen Papiere mit genauen Maßgaben und Umrisszeichnungen dabei, individuelle Anfertigungen für Kunden herzustellen. Eingehüllt in den Geruch aus Leder und Leim wird hier ein jahrhundertealtes Traditionshandwerk verrichtet.

Schuhmacher Fußabdruck

Eigentlich hätte er ja viel lieber auf dem Bau gearbeitet, wie viele seiner Freunde und seine drei Brüder. Aber „einen brauchte mein Vater“, sagt Frölich. „Einen, der das alles übernimmt.“ Gelernt hatte sein alter Herr selbst bei einem Nesselröder: Franz Rittmeier, genannt „Schuster-Franz“, und dann 1936 ein Geschäft im Konsum eröffnet – eine genossenschaftliche Filiale mit Lebensmittelgeschäft mitten im Dorf an der Oberen Straße. Für den Sohn ging es nach dem Schulabschluss zu Rüdiger Arendt in die Duderstädter Haberstraße, dort lernte er bis zur ersten Meisterprüfung. „Am Wochenende habe ich dann meinem Vater geholfen.“ Auch Mutter Maria, eine geborene Leineweber aus Böseckendorf, stand mit im Laden und kümmerte sich um den Verkauf.

Werkstatt Fröhlich

1959 stieg er dann ins Geschäft mit ein. Gleichzeitig stand die Heirat mit seiner Frau an. „So haben wir Laden und Werkstatt angebaut und Platz geschaffen.“ 1986 übernahmen die Frölichs dann das Geschäft in Duderstadt auf der Marktstraße 61. „Vorher war da das Schuhgeschäft Lippold drin, die haben sich dann zur Ruhe gesetzt, und wir haben das Personal übernommen.“ Während zur Zeit seines Vaters in der Schusterwerkstatt noch Schuhe hergestellt wurden, begann während der Ausbildung des Nesselröders schon die fabrikmäßige Fertigung. „Reklamation“, sagt Frölich, „das ist ein Wort, das haben sich heute viele in den Kopf gesetzt.“ Sobald sich eine Naht löse oder eine Öse, müssten die Schuhe repariert werden. Bei den meisten Modellen sei dies allerdings leicht zu machen. Seine Maschinen danken es ihm. Sie stehen seit Jahrzehnten in der Werkstatt und sind der Arbeit – genau wie ihr Meister – noch immer nicht müde.

Text: Anna Kleimann / Fotos: Iris Blank