In der Vitrine von Klaus-Hagen Hage liegen Relikte, die an die Geschichte des Gewerbeparks Euzenberg in Duderstadt erinnern. Der 76-jährige Duderstädter ist der Besitzer des Geländes, auf denen Hallen stehen, die früher zur Zweigstelle der Magdeburger Polte Werke gehörten. Dort wurde während des 2. Weltkriegs Munition hergestellt.


Wenn Klaus-Hagen Hage über das Gelände geht, dann kann es vorkommen, dass er etwas für seinen Vitrinenschrank findet. „Neulich einen alten Ziehdorn“, sagt der Eichsfelder, dessen Grundstücksverwaltung im Gebäude 3 des Gewerbeparks Euzenberg ansässig ist. Damals war dieses auch die Verwaltung der Munitionsfabrik. Der Magdeburger Rüstungsbetrieb Polte hatte im Jahr 1938 Duderstadts damaligen Bürgermeister die Idee unterbreitet, in der Brehmestadt auf Staatskosten ein Zweigwerk zur Munitionsherstellung zu bauen. Ein Gelände wurde daraufhin südlich der damaligen Eisenbahnlinie bereitgestellt, so dass im Auftrag des Reichsluftfahrtministeriums zunächst im Spätsommer 1939 mit dem Bau einer Zufahrtsstraße zu dem noch nicht erschlossenen Euzenberg-Gelände begonnen wurde. Um Arbeitslosigkeit zu bekämpfen, wurde bereits 1935 von der Stadt Ackerland für ein Industriegebiet gekauft und 1937 die Industriestraße gebaut.

Klaus-Hagen Hage klein

Die Gebäude 20 und 18 haben für Duderstadt eine in wirtschaftlicher Hinsicht besondere Nachkriegsgeschichte. Denn das Orthopädie-Unternehmen Ottobock hatte dort seinen ersten Firmensitz in Duderstadt. Ottobock produzierte bis in die 1960er-Jahre im Gewerbepark, bis 1963 der heutige Gebäudekomplex an der Industriestraße entstand. Die Familie Bock/Näder lebte bis zum Umzug an den Ebertring im Jahr 1964 im Anbau der Halle 20.

Halle 18, die Ottobock von 1954 bis in die 1960er Jahre für die Kunststoffproduktion nutzte klein

Halle 18, die Ottobock von 1954 bis in die 1960er Jahre für die Kunststoffproduktion nutzte

Im Herbst 1941 war die Fabrik fast fertiggestellt und die Produktion von 2-cm-Munition (Fliegersondermunition) lief an. Das Werk war in drei Bereiche unterteilt. Im nordöstlichen Abschnitt, dem heutigen Gewerbepark, wurden die Geschosse, Zünder und Hülsen gefertigt. Im heute von der Bundespolizei genutzten mittleren und im südwestlichen Bereich wurden die Geschosse mit Sprengstoff befüllt und die Granaten zusammengesetzt beziehungsweise der Sprengstoff und die fertige Munition gelagert.


Im März 1943 wies das Rüstungskommando Hannover die Werksleitung an, Aufräum- und Bauhilfstrupps für Flieger- und Bombenschäden zu gründen. Zunehmende Fliegeralarme führten Ende 1944 zum fast vollständigen Stillstand der Produktion. Offiziell wurde die Produktion am 8. April 1945 aufgegeben. Einen Tag später wurde das Werk durch amerikanische Truppen besetzt.

Luftaufnahme von 1956

Luftaufnahme von 1956

Stück für Stück hat Klaus-Hagen Hage im Laufe der vergangenen Jahre, nachdem er den kleineren Teil des ehemaligen Munitionswerkgeländes samt den Gebäuden im Jahr 1989 vom Staat erworben hatte, in die Hallen investiert und diese saniert. „Als Duderstädter wollte ich, dass das Gelände als Ganzes erhalten bleibt und nicht zerstückelt wird“, erklärt er die Motivation des Gewerbepark-Kaufes. Der damalige Bundesgrenzschutz erwarb in den 1960er-Jahren 34 Hektar des Geländes mit 14 Gebäuden.


Im Jahr 2015 ist einiges im Umbruch. Die Trasse der Ortsumgehung Westerode wird durch das Gelände führen und im Zuge eines Kreiselbaus entsteht eine neue Zufahrt zum Gewerbepark. Zudem steht der Verkauf an Ottobock-Chef Hans Georg Näder im Raum. Die Verhandlungen aber haben sich wegen Altlasten von einer in den 1950er-Jahren stillgelegten Teerpappenfabrik verzögert. „Im Laufe der Jahre kamen und gingen so einige Firmen. Die haben hier früher einfach alles hingeschüttet“, erklärt Hage, der das Gelände schon seit Kindheitstagen kennt. „Ich bin hier damals mit Freunden herumgelaufen.“

Text: Kristin Kunze / Fotos: Iris Blank