Während die Lerbachtaler Brauchtumsgruppe noch fröhlich ihr „holladiaho, holladihodiho“ trällert, scharrt das Harzer Rote Höhenvieh im Stall schon mit den Hufen. Für 24 Rinder und Kühe soll in wenigen Minuten die Open Air Saison auf der Weide starten, die Anspannung geht den Tieren von den Klauen bis zur Schwanzquaste. Die Wintermonate haben die Wiederkäuer vor Kälte und Wind geschützt verbracht, doch jetzt steht das Gras wieder in vollem Saft und wartet nur darauf, von den rosafarbenen Mäulern abgezupft zu werden. Um das Spektakel des Almauftriebs zu verfolgen, tummeln sich rund 300 Besucher auf dem kleinen Fest auf dem Bioland-Betrieb Gut Herbigshagen. Unter dem Motto „Harz trifft Eichsfeld“ werden Traditionen und Wissenswertes rund um das Höhenvieh und seine Heimatregion vorgestellt.

Über viele Generationen hinweg sicherten die Rinder mit der herabhängenden Wamme und den Hörnern mit der schwarzen Spitze für viele Harzer Familien den Lebensunterhalt. „Sie haben gute Füße und sind vor allem langlebig“, erzählte Wolfgang Beuse vom Verein zur Erhaltung der Harzkuh und der Harzziege. „Man konnte damals nicht ständig neue Tiere kaufen, daher war das eine sehr gefragte Eigenschaft“, so der 68-Jährige, der in Wildemann im Oberharz einen eigenen Bergbauernhof mit über 40 Vertretern dieser alten Rasse unterhält. In den 1960er Jahren starb jedoch das Harzer Hirtentum aus und mit ihm auch beinahe das Höhenvieh: Von einst rund 50.000 Exemplaren waren nur noch zirka zwei Dutzend übrig geblieben. Dass die Population heute wieder auf zirka 1.000 Tiere angewachsen ist, ist Beuse und seinem 1992 gegründeten Verein zu verdanken. Heute werden die Tiere zur Bergwiesenpflege eingesetzt, gezüchtet und verkauft. Die Heinz Sielmann Stiftung trägt mit ihrem Bestand zur Erhaltung der immer noch vom Aussterben bedrohten alten Nutztierrasse bei. „Das Höhenvieh ist dem Ur-Rind, dem Auerochsen, am nahsten und besitzt wichtige Genreserven“, informiert der Oberharzer.

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Nachdem der in Trachtenkluft gewandete Beuse die Fragen von Holger Belz, dem Leiter des Heinz Sielmann Natur-Erlebniszentrums, auf spannende Weise beantwortet, dabei aber nicht auf Kritik an bestehenden Ernährungsgewohnheiten und der Lebensmittelindustrie verzichtet hat, kommt Wolfgang Hoffmann ins Spiel. Das ebenfalls aus Wildemann stammende Mitglied der Lerbacher Brauchtumsgruppe lässt seine Kuhglocken erklingen – und irgendwie erinnern diese Töne an Heimatfilme und Bergidyll à la Heidi. Für die Harzer allerdings waren diese Klänge vor nicht einmal 100 Jahren ein vertrauter Bestandteil des alltäglichen Lebens, das stark mit den robusten Tieren mit dem charakteristisch roten Fell verbunden war. Glockenmacher Hoffmann erzählt von den vielen verschiedenen Arten und Funktionen der Glocken, von ihren Bezeichnungen, ihrer traditionellen Herstellung, von bäuerlichen Gepflogenheiten und den Hirtenrufen.

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Die Erwachsenen und besonders die vielen Kinder, die bereits neugierig allerlei Tierarten auf dem Hof entdeckt haben, sind jedoch nicht nur zum Hören, sondern vor allem zum Sehen gekommen – und so lässt sich Hoffmann nicht lange bitten und bläst ins Jubelhorn – der Startschuss für das Rinderrennen und das Signal für die Gäste, zunächst ein Spalier für das Höhenvieh zu bilden. Geschützt hinter Zäunen verfolgen die Schaulustigen wie große und kleine Vierbeiner aus dem Stall stürmen und – teilweise mit Freudensprüngen – das Weideland unterhalb des KiKa-Baumhauses zurückerobern.

Text: Anna Kleimann / Fotos: Iris Blank

 

Heinz Sielmann Stiftung e. V. & Heinz Sielmann Natur-Erlebniszentrum
Gut Herbigshagen37115 Duderstadt
T (05527) 914-0info@sielmann-stiftung.de
www.sielmann-stiftung.de
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Öffnungszeiten
Täglich 10−18 Uhr (April—Oktober)
Täglich 10−17 Uhr (November—März)
Geschlossen 24.Dezember—2.Januar

Führungen durch das Projektgebiet Grünes Band können gebucht werden.