Ursprünglich wollte Claudia Napp Kunst studieren. Da sie aber bereits als junges Mädchen angefangen hatte mit einer Nähmaschine – einem Geschenk ihrer Mutter – eigene Kleider zu schneidern, lag es nahe, dieses Talent durch eine handwerkliche Ausbildung weiter zu schulen. Ihr nächstes Ziel war kein geringeres als das Haute-Couture-Atelier der Hannoveraner Modedesignerin Erika Knoop. Eine renommierte Adresse und kein einfaches Vorhaben. Knoop lehnte ab. Napp wollte sich jedoch so einfach nicht geschlagen geben. 1987 begann sie zunächst eine industrielle Schneiderausbildung, besuchte aber während des ersten Jahres immer wieder die Knoopsche Schneiderwerkstatt. Soviel Ehrgeiz und Zielstrebigkeit zahlten sich aus: „Frau Knoops Meisterin hat dann zu ihr gesagt: Die musste nehmen, die ist gut“, erinnert sich Napp. Und so kam es.

Von 1988 bis 1992 lernte Napp die hohe Schneiderkunst im Atelier der gefragten Designerin. Spannende Arbeiten seien in dieser Zeit entstanden. Schlittenzelte für eine Arktisexpedition etwa, oder Raumfahreranzüge fürs Theater. Zu Letzterem hat es die gebürtige Göttingerin dann schließlich auch hingezogen, hier konnte sie ihre Leidenschaft für die Kunst umsetzen. In der Arbeitskette Kostümbildner, Gewandmeister, Schneidermeister, Geselle sammelte sie wertvolle Erfahrungen der Zusammenarbeit. 1995 vollendete sie ihre Meister- und Direktricenausbildung an der Hamburger Fachschule Müller&Sohn und ließ sich ein Jahr später in der Duderstädter Haberstraße nieder. „Der Liebe wegen“, sagt sie. Zweimal ist Napp umgezogen, zuerst in die Jüdenstraße und dann in die Westertorstraße, in der sie heute lebt und arbeitet. Es sei ihr wichtig, dass sie schnell bei ihren Arbeiten sein könne, wenn sie eine Inspiration oder eine gute Idee habe. Das könne durchaus auch mal mitten in der Nacht sein.

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Die Kunden der 48-Jährigen wissen, dass sie bald ein Unikat in den Händen halten werden, wenn sie in ihre Werkstatt kommen. Am Anfang jedes Auftrages steht ein lockeres Gespräch, und manchmal auch ein Glas Sekt. „Erlebniseinkauf“ nennt das die Geschäftsfrau. Das habe den Sinn, die Kundin näher kennenzulernen und einen Eindruck von Charakter und Erscheinung zu gewinnen. „Über eine schüchterne Frau kann ich keine Riesenrobe hängen“, sagt Napp. „Es ist eine Frage des Typs.“ Augenfarbe, Haarfarbe, Hautton und Figur erfasst die Schneiderin auf diese Weise ganz nebenbei.

Die Eichsfelderin, die auch Änderungsarbeiten anbietet, hat in ihrer Werkstatt eine spezielle Beleuchtung installiert, die Tageslicht simuliert. Zusammen mit einem in der Höhe individuell auf ihre Größe abgestimmten Schneidertisch, einer Nähmaschine, die sie liebevoll „meinen Porsche“ nennt, einem Ankleidezimmer und einer Profi-Bügelanlage mit einer Hitze- und Feuchte-Absaugfunktion ergibt dies den Arbeitsbereich der Handwerkerin, die aus Fantasie Mode macht.

Zeichenstift, Papier und Maßband Drei der wichtigsten Utensilien für Schneiderinnen. Oben ist eine Skizze für die Anfertigung eines Kleides zu sehen.

Eine lange Liste von Zentimeterangaben muss abgearbeitet werden, wenn sie eine Maßanfertigung in Angriff nimmt. Jeder Faltenwurf soll an der richtigen Stelle sitzen, und jede Rundung soll sich perfekt in die Stoffbahnen einschmiegen. Persönlich hat sie sich den kritischen Blick längst abgewöhnt. „Früher habe ich noch im Café gesessen und bei den Leuten geschaut, wo ich was ändern würde.“ Schnell aber wird das Schneiderinnenauge wach, wenn es einen außergewöhnlichen Schnitt erblickt. Dann rattert es im Kopf, wie solch ein Kniff wohl gefertigt worden sein mag. Wenn sich Claudia Napp einmal verschneide, sei das kein großes Drama: „Dann werde ich am kreativsten“, sagt die Modedesignerin.

Text Anna Kleimann / Fotos Iris Blank

Internet: www.facebook.com/claudia.napp (Die Schneiderwerkstatt)