Annemarie Hug kann sich wunderbar aufregen, wenn es um den Missbrauch des Wortes Yoga geht. „So einen Quatsch mache ich nicht“, sagt sie. Ihre Worte haben dann etwas Eindringliches und mit dem Oberkörper lehnt sie sich aus ihrem Sessel weit nach vorne. Mit einer Mischung aus Entrüstung und einem ungläubig-verschmitzten Lächeln sagt sie: „Yoga ist keine Geldmacherei!“ Die indische Lehre geistiger und körperlicher Ertüchtigung ist für die gebürtige Duderstädterin nicht etwa ein kleines Hobby, das sie fit hält, es ist Leidenschaft und Berufung. Die 82-Jährige gibt seit über 44 Jahren Kurse in der Kreisvolkshochschule (KVHS) Südniedersachsen in Duderstadt und ist damit die einzige Dozentin in Deutschland, die so lange an einer Institution unterrichtet. 68 Teilnehmer schult sie insgesamt, viermal anderthalb Stunden in der Woche. Immer noch.

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Die Idee des Yoga – dafür hat sie selbst sehr kämpfen müssen, damals als sie in den 60er Jahren damit begann. „Es tut mir weh, dass es jetzt so verfälscht und kommerzialisiert wird.“ Mit 30 Jahren litt Hug an einer schweren Sepsis, ihr Körper reagierte auf eine Infektion mit einer komplexen Entzündungsreaktion des gesamten Organismus – Organversagen drohte. Ihr Arzt empfahl ihr damals, es einmal mit Yoga zu versuchen. „Da habe ich zum ersten Mal meinen Atem gespürt“, erinnert sich die Eichsfelderin. „Das war eine tolle Erfahrung und ich wusste nach der ersten Stunde: Ich werde Yogalehrerin!“


Das Yoga gab ihr die Kraft, die sie brauchte, um die Krankheit zu überstehen. Ihr Mann Wilhelm unterstützte sie dabei. Mit ihm war die junge Frau nach Heidenheim gezogen. Dort lernte sie 1962 auf der Schwäbischen Alb bei Annamaria Wadulla die Grundlagen der indischen Körperübungen. „In Baden-Württemberg waren sie damals schon ein bisschen weiter als in Norddeutschland“, erinnert sich Hug schmunzelnd. Doch das Heimweh nach Duderstadt hatte die junge Frau nie verlassen, und als ihr Mann das Angebot bekam, an der Berufsschule in Duderstadt als Maschinenbauer zu unterrichten, sei Hug glücklich gewesen, nach 25 Jahren in die Stadt ihrer Eltern zurückzukehren. Sehr bald wurden Wilhelm und Annemarie Hug dann vom Kneipp-Verein und der Volkshochschule gebeten, Yoga zu unterrichten.

Atemübung der Springbrunnen (3)

Von der Selbstverständlichkeit, mit der Yoga heute als fernöstlicher Fitnesstrend wahrgenommen wird, war Hug, zu der Zeit als sie selbst damit begann, weit entfernt. Mit ihren Bemühungen, die unbekannten Wege der Selbstfindung nach Duderstadt zu bringen, musste sie im Eichsfeld zunächst noch etwas Überzeugungsarbeit leisten. Erst langsam etablierte sich die Einsicht, dass Yoga auch unabhängig von jeglichen Glaubensrichtungen praktiziert und verstanden werden kann. „Dabei gibt es das Yoga schon rund 2000 Jahre länger als den Hinduismus“, weiß Hug.


Die Übungen in ihren eigenen Kursen gestaltet die fünffache Großmutter heute mehr in Richtung Yoga-Therapie: „Das bedeutet, dass jeder seine Übungen in dem Tempo macht, wie er es kann.“ Ein Motto, das sie ihren Schülern stets vermitteln möchte, stammt von der buddhistischen Nonne Ayya Khema: „Verliere dich nicht in der Welt, komm immer wieder zu dir selbst zurück.“ Atemübungen, Reinigungsübungen, Bewegungsübungen, Konzentration und Meditation machen ihren Unterricht aus. „Von wegen von der Alten könnt ihr nix mehr lernen“, sagt Hug lachend.

Stein aus Hugs Japanischem Garten.

Text: Anna Kleimann | Fotos: Iris Blank