Vor zwei Jahren wurde in der Duderstädter Marktstraße ein beinah wahnwitziger Plan in die Tat umgesetzt: Innerhalb weniger Monate sollten die Restauration des Hotels zum Löwen und eine Erweiterung des Komplexes um ein Nachbarhaus abgeschlossen werden. Zusätzlich zu diesem ehrgeizigen Ziel zeigten erste Prospektionen auf dem Gelände der Marktstraße 30, 32 und 34, dass eine archäologische Baubegleitung notwendig sein würde. In ständiger Kommunikation miteinander und mit einem gesunden Nervenkostüm ausgestattet nahmen Bauleitung, Tiefbauunternehmen und Archäologen die Aufgabe in Angriff, ihre unterschiedlichen Ziele innerhalb dieses engen Zeitfensters zu erreichen. Hotelbetreiber Franz-Josef Otto schmunzelt, wenn er an diese Zeit zurückdenkt: „Eine organisatorische Meisterleistung“ nennt er den Umbau.


Das mittelalterliche Duderstadt ist laut Stephan Sauerland, dem Grabungsleiter des Projekts, noch weit davon entfernt, hinreichend erforscht zu sein. Die archäologische Baubegleitung auf solch einer zentralen Innenstadtfläche wie der Marktstraße habe somit besonders elementare Erkenntnisse über die Stadtgeschichte Duderstadts zutage gefördert. Im untersuchten Areal konnten insgesamt 484 Befundbeschreibungen dokumentiert und 904 Fundnummern vergeben werden. Bau- und Erdbefunde sowie Funde aus verschiedensten Materialien wie Keramik, Eisen, Leder, Textil und Holz gehörten dazu.

Grubenhaus

Grabungsleiter Stephan Sauerland bei seiner Arbeit

Der Wellnessbereich im Untergeschoss des Hotels zum Löwen bietet heute Einblicke in die neu entdeckte Welt des hochmittelalterlichen Duderstadts: durch die Einlassung durchsichtiger Flächen in den Kellerboden kommt beispielsweise ein Brunnen aus Buntsandsteinen zum Vorschein. Erbaut wurde er um 1042, und ist somit der bisher älteste in Duderstadt gefundene Brunnen. Die Größe des Brunnens ist laut Sauerland für die damalige Zeit und Verortung in einer ländlich-dörflichen Region außergewöhnlich und deutet auf den Zusammenhang mit einem Herrenhof (Curtis) hin. Bisher galt eine in den 80er Jahren in Bernshausen am Seeburger See entdeckte Brunnenanlage als einmalig in Niedersachsen. Dieser ebenfalls hochmittelalterliche Fund weist eindeutige Parallelen zu der Brunnenanlage in Duderstadt auf.

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Welt aus Sport, Spa & Wellbeing im Untergeschoss

Die spätmittelalterlichen Baubefunde zeigen auch, dass im 13. Jahrhundert bereits eine Bebauung der Marktstraße vorhanden gewesen sein muss. Durch Analysen des biologischen Fundmaterials, zu dem beispielsweise auch Kirschkerne gehören, wurde ebenfalls deutlich, dass hier ein gehobener Haushalt ansässig gewesen sein muss. Das wird auch durch keramisches Fundmaterial bestätigt, welches in einer der freigelegten Kloaken geborgen werden konnte. Die Stücke müssen teilweise importiert worden sein. Des Weiteren wurden lederne „Luxuswaren“ wie etwa ein Halbschuh und das Fragment eines Knöpfstiefels gefunden.


DSC_9912Der unbestrittene Star der Ausgrabungen ist eine kleine, grüne Reiterfigur, die zu damaliger Zeit als Kinderspielzeug gedient haben dürfte. Die farbig glasierte helle Keramikfigur stellt einen Ritter mit Topfhelm auf einem Pferd dar. Der fast 800 Jahre alte „grüne Ritter“ begrüßt heute die Gäste des Hotels im Foyer und hat gegenüber der Rezeption einen besonderen Platz gefunden.

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Reisewaage mit Klappmechanismus

Im einzigartigen Gewölbekeller des Hotels aus dem 17. Jahrhundert sind weitere Schätze zu finden: Dazu zählt auf jeden Fall eine kleine goldfarbene Feinwaage oder Reisewaage mit Klappmechanismus, die komplett erhalten ist. Der Bau eines solch präzisen Messgeräts bedarf versierter Handwerker, die im Mittelalter rar gesät waren. Durch die Waage gibt es jetzt erstmals einen eindeutigen Nachweis dafür, dass im hochmittelalterlichen Duderstadt Handel mit wertvollen Gütern wie Gewürzen, Edelsteinen oder Gold stattgefunden haben muss.

Text: Anna Kleimann, Fotos: Iris Blank

Hotel zum Löwen
Marktstraße 30 ∙ 37115 Duderstadt
T (05527) 8 49 00-0 ∙ info@hotelzumloewen.de 
www.hotelzumloewen.de
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