Nur ganz leise hört man das Rauschen der Körper durch den Raum, die Schritte und zwischendurch das Schleifen der Sohlen über das Parkett – am Kopfende des alten Saals in Krebeck steht die massive Theke, deren Musikanlage mit Akkordeonmelodien, dramatischem Gesang und Pianoklängen die Stimmung des Abends bestimmt.
Die Künstlerin Sigrid Nienstedt, die aus der Großstadt in das Eichsfelddorf zurückgekehrt ist und heute in dessen ehemaligen Tanzsaal Rudolph malt, hat ihre Arbeiten in Sicherheit gebracht, um Platz zu schaffen. Zahllose Kerzen sind angezündet, der Kronleuchter brennt, es gibt Wein. Zusammen mit Michael Groß möchte sich die Krebeckerin in ein Projekt einbringen, welches ein immaterielles Kulturerbe der Menschheit in der Region beleben will: den Tango Argentino.


Seit einem Jahr gibt es einmal in der Woche im Krebecker Saal Tangounterricht. „Ich freue mich unglaublich darüber, dass der Tango jetzt zu mir gekommen ist“, sagt Nienstedt. Der reimmigrierten Eichsfelderin bereitet es sichtlich viel Freude, als Gastgeberin den Raum anbieten zu können und sich mit den Tänzern auszutauschen. An diesem Abend wird ein kleines Abschlussfest gefeiert, ein Kurs geht zu Ende, die Atmosphäre ist locker, man ist gekommen, um eine gute Zeit zu haben und zu tanzen.

Tango in Krebeck

Tango in Krebeck – im Hintergrund Gemälde von Sigrid Nienstedt

„Tango ist etwas sehr altmodisches, aber auch etwas sehr kreatives“, sagt Nienstedt, die mit dem Tanz schon seit über 20 Jahren vertraut ist. „Die Tango-Orte, die ich kennengelernt habe, hatten auch immer etwas spelunkiges und irgendwie gehört das alles so zusammen. Der Tango ist alt und neu gleichzeitig, deswegen passt das unheimlich gut in diese Geschichte: der alte Saal mit der neuen Bestimmung.“

Tangoball Flyer

Michael Groß, der die Kulturinitiative „Tango im Landkreis“ gegründet hat, hat es sich zum Ziel gesetzt, die Großstadtkultur Tango Argentino auf die Dörfer zu holen. „Das ist gleichzeitig ein Projekt der Regionalentwicklung, da arbeiten wir zum Beispiel mit dem Landkreis Göttingen zusammen, wir versuchen, uns da gut zu vernetzen“, erzählt der Tangobegeisterte.
Unterricht wird auch an anderen Stellen in der Region angeboten – unter anderem in Berlingerode, im Harz, in Weende oder Einbeck. Hin und wieder wird ein Tanztee oder ein Tangoball veranstaltet, wie kürzlich im Graf Isang in Seeburg ganz im Stil der 20er und 30er Jahre.


Die Tänzer sind allesamt Laien, die einfach reinschnuppern und dabei blieben, sagt Groß. „Es ist nicht nur schön, sich zu bewegen und wie man beim Tanzen miteinander umgeht“, so Groß, „der Tango ist auch ein Weg zur persönlichen Entwicklung. Das ist oftmals wunderbar zu beobachten. Tango hat auch eine große integrative Funktion, Jung und Alt tanzen miteinander.“ Anders als andere Tanzstile ermögliche der Tango eine Verbindung mit vielfältigen Gemütsstimmungen, ob fröhlich, nachdenklich oder traurig. Zum Tango könne man immer kommen.

Tango in Krebeck

Initiator Michael Groß in den Tango vertieft

„Mir gefällt Tango am besten, weil er innerhalb der Kommunikation eines Paares eine große Tiefe ermöglicht, die man im Gespräch nur sehr selten oder kaum erreicht“, erzählt Groß. Und so hält es den passionierten Tänzer auch nicht lange auf dem Stuhl, kaum hat er den Satz beendet, huscht er unter dem großen Kronleuchter hindurch zu seiner nächsten Tanzpartnerin mit der er tête-à-tête durch den Saal schwebt.

Text: Anna Kleimann / Fotos: Iris Blank

Nähere Informationen zum Tango im Eichsfeld bei Michael Groß unter michel-gross@t-online.de oder unter (0170) 2056815.

Kontakt Sigrid Nienstedt: sigrid.nienstedt@gmx.de und www.sigridnienstedt.de