Auf der Kanonenbahn, einer militärstrategischen Eisenbahnstrecke von Berlin ins französische Metz, durchquerten Züge einst lange Tunnel und überfuhren riesige Viadukte. Ein Teil dieser Strecke führte im Obereichsfeld von Lengenfeld unterm Stein bis nach Küllstedt. Komplett eingestellt wurde der Schienenverkehr dort in den 1990er Jahren. Die Schienen wurden aber nicht – wie sonst oft üblich – abgebaut: Sie blieben erhalten, und ein extra gegründeter Kanonenbahnverein betreibt hier nun die Erlebnis-Draisine. Rund 30.000 Besucher treten jedes Jahr in die Pedale der sogenannten Fahrrad-Draisinen.


Von Duderstadt aus geht es mit dem Auto auf die B 247 über Leinefelde-Worbis, an Dingelstädt vorbei. Nach gut 50 Minuten kommen wir am Bahnhofsgelände in Lengenfeld unterm Stein an. Spaß, Erlebnis, Sport und Denkmal, damit werben die Obereichsfelder. „Die gesamte Strecke steht unter Denkmalschutz“, erzählt uns Winfried Stöber, der Geschäftsführer der Eichsfelder Kanonenbahn. Danach bekommen wir eine Einweisung. Die Fahrrad-Draisinen bieten Platz für vier bis sieben Personen. Sie haben zwei oder drei Fahrplätze mit Sattel und Lenker wie bei einem Fahrrad. Auf einer Bank gibt es Platz für weitere Mitfahrer. Viel Gepäck kann nicht untergebracht werden. Trinken und Essen verstauen wir daher in Rucksäcken.

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Wir haben gerade erst den Bahnhof in Lengenfeld verlassen, da müssen wir schon die Jacken ausziehen. Denn was so leicht aussieht, geht an manchen Stellen schwerer als gedacht und lässt uns ins Schwitzen kommen. Gleich zu Beginn fahren wir über das imposante Lengenfelder Viadukt. Es ist 24 Meter hoch. In regelmäßigen Abständen gibt es Haltepunkte. Um die Draisine von den Schienen zu heben, bedarf es einiger Kraft. Zum Glück gibt es hilfsbereite, männliche Draisinenfahrer, die anpacken.


Unser Weg führt durch fünf Tunnel. Der Küllstedter Tunnel ist mit 1530 Metern der längste. In der Mitte sehen wir weder Ein- noch Ausgang. Nur das Licht, das sich an der Draisine automatisch anschaltet, lässt erahnen, was vor uns liegt. Zu seiner Bauzeit von 1876 bis 1879 war der Küllstedter Tunnel einer der längsten in Europa. Ganz schön kühl ist es im Inneren. Pullover oder Jacke sollte man dabei haben, auch für die Rückfahrt, die später noch sehr zügig werden wird.

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Nach knapp zweieinhalb Stunden erreichen wir Küllstedt. Gerade noch Zeit für eine Tasse Kaffee und einen Toilettengang. Auf der Rückfahrt geht es bergab. Bereits nach dem Wendepunkt fängt die Draisine an, zu rollen. Wenige Meter danach drehen die Pedale im Leerlauf. Die Draisine erreicht auf der Rückfahrt eine Geschwindigkeit von 15 bis 20 Stundenkilometern. Im Tunnel fühlt es sich in der Dunkelheit noch schneller an. Das ist ein wilder Ritt auf Schienen, der Spaß macht! Für Pausen ist nun kaum mehr Zeit. In geringen Zeitabständen, aber immer mit dem vorgeschriebenen 50-Meter-Abstand zwischen den einzelnen Draisinen, geht es in 40 Minuten zurück zum Ausgangspunkt. Wir merken den vierstündigen Ausflug in den Beinen und im Po. Zur Belohnung bestellen wir uns im Bahnhofsrestaurant daher erst einmal eine Soljanka.

Text: Kristin Kunze / Fotos: Iris Blank

Informationen und Buchung (Saison dauert bis 31. Oktober 2014):

Eichsfelder Kanonenbahn gGmbH
Bahnhofstraße 43 ∙ 99976 Lengenfeld unterm Stein
T 036027-78866 ∙ info@erlebnis-draisine.de
www.erlebnis-draisine.de ∙ F 036027-78453
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