8191 Kilometer trennen Duderstadt und Kuba. Mit dem Überqueren des atlantischen Ozeans ändert sich die Temperatur, die Optik der durch die Straßen kreuzenden Automobile, die Trinkgewohnheiten der Menschen, die politischen Ansichten… aber nicht nur das. Vor allem bietet die 11 Millionen Einwohner beherbergende Insel eine einzigartige kulturelle Welt. Die Kunsthalle HGN  zeigt in Duderstadt mit Close-up Cuba eine zirka 70 Werke umfassende Sammlung zeitgenössischer Werke sieben kubanischer Künstler. Hinter Che Guevara, Fidel Castro, Cuba Libre und anderen Klischees ist längst ein neues, weltoffenes Kuba gewachsen, das international vernetzt ist und Liebhaber in aller Welt gefunden hat. Einer von ihnen ist Ottobock-Chef Prof. Hans Georg Näder, der eine Hommage an die karibische Republik zusammengestellt hat, deren besonderen Charme er sehr schätzt:

Vieles erinnert mich von der Atmosphäre her an die Vorwendezeit im geteilten Deutschland.

Mitreisende berichten, wie der Sammler Näder bei einem Besuch Havannas ohne Pause von Künstleratelier zu Künstleratelier gestürmt sei und dabei Gemälde, Zeichnungen, Skulpturen und Fotografien entdeckt und ausgewählt habe. Nach intensiver Auseinandersetzung mit dem lokalen Milieu sei so relativ rasch eine nach persönlichem Geschmack zusammengestellte Sammlung entstanden. Eine eindrucksvolle Präsentation des rhythmischen Charmes des Landes der Zigarren gab schon passend zur Vernissage die extra aus Kuba eingeflogene Band „Doble Sabor“, die nicht nur die Kunsthalle HGN, sondern auch die St. Cyriakus Kirche mit kubanischem Flair ▸ erfüllte.

Vernissage auf dem Weinberg =Großer Andrang in der Kunsthalle HGN. © Blank

Prägend für die Ausstellung sind vor allem die Installationen Roberto Diagos: er inszeniert Elemente aus farbigem Treibholz oder rostigem Metall. Fundstücke unterschiedlichster Größe, Oberflächenbeschaffenheit und Abnutzungsgrade werden in raumgreifenden Collagen verbunden. Der Betrachter wird zwischen die Angst vor dem Ego-Verlust inmitten dieser brachial zusammengenagelten Textur und die Energie des Trotzdem oder Gerade-deswegen gespannt. Am Eingang empfängt eine lebensgroße Nackte den Besucher. Die mit einer Gabel bewaffnete kahlköpfige Frau sitzt auf einem Hahn. Die Skulptur Roberto Fabelos vermittelt einen Vorgeschmack auf das, was kommt.

 

Einen ehrlichen Einblick in die kubanische Alltagswelt gibt Enrique Rottenberg. Unter der wuchtigen Deckeninstallation von Esterio Segura Mora („Goodbye my Love“), die aus herzförmigen knallroten Flugzeugen besteht, schreitet der Besucher auf das zentral angeordnete Werk Carlos Quintanas („Florida Maps“) zu. Die USA werden als rote Landwucherung dargestellt, die eine „dicke Tanzende“ verschlingt. Neben der Landzunge Floridas ist notiert: Cuba esta un poco mas abajo pero cerca. Kuba ist ein wenig weiter unten, aber nahe dran. José Emilio Fuentes Fonseca widmet sich mit seinen scharfkantigen Metallskulpturen dem Thema Kindheit und ihrer Kollision mit der Erwachsenenwelt. Carlos Garaicoa nimmt Kuba mit dem Blick eines Architekten wahr und macht es so möglich, im scheinbar Gesichtslosen das wahre Gesicht Kubas zu enthüllen.

Nackte, kahlköpfige Frau mit Gabel Die Skulptur „Fantastic Voyage“ begrüßt die Besucher der Ausstellung. © Blank

Close-up Cuba ist eine sinnliche und vielschichtige Ausstellung, die einen unverfälschten Blick auf das moderne Kuba freigibt. Die Kunsthalle HGN, welche die ausstellenden Künstler bereits persönlich besucht haben, schafft es, eine direkte Verbindung zur schöpferischen Kraft des Neuen entstehen zu lassen, die gerade dabei ist, ein Kuba der Gegenwart zu gestalten. Aufgrund der hohen Nachfrage dürfen die Exponate sogar noch ein bisschen länger hängen bleiben als ursprünglich geplant: die Ausstellung wurde um vier Monate bis zum 28. Dezember 2014 verlängert.

Text: Anna Kleimann / Fotos: Iris Blank

Kunsthalle HGN
Karl-Wüstefeld-Weg ∙ 37115 Duderstadt
T 0179 592 56 85 ∙ info@kunsthallehgn.de
www.kunsthallehgn.de
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Öffnungszeiten
samstags und sonntags 11 bis 18 Uhr ∙ bis 28.12.2014