Seit 2006 hat Duderstadt wieder einen Stadthauptmann: Friedrich Wilhelm von Knorr. Dahinter steht Matthias Koch. Früher hätte er unter anderem die Wachen bestellen und Persönlichkeiten Geleit geben müssen. Doch in den 200 Jahren ohne Stadthauptmann hat sich in Duderstadt einiges getan. »Ich bin von Bürgermeister Wolfgang Nolte persönlich angesprochen worden. Das war ein Angebot, das ich nicht ablehnen konnte«, erinnert sich Matthias Koch. Im Hauptberuf baut er Rahmen und verkauft Antiquitäten, überwiegend Fichtenmöbel aus der Duderstädter Umgebung, aber auch andere Kleinode, die seinen Laden zu einem Paradies für Jäger und Sammler machen. Im Nebenberuf führt er Reisegruppen, Kunden von Unternehmen oder auch die Mitglieder eines Kegelvereins sowie interessierte Einheimische durch Duderstadt. Dann trägt er das Gewand, das seine damalige Frau nach alter Vorlage geschneidert hat. 200 Stunden hat die gelernte Gewandmeisterin dafür eingesetzt.


Vor der ersten Führung war er sich nicht sicher, ob er diesen Job wirklich wollte, denn vor Leuten redet er eigentlich nicht gern, obwohl ihm der Auftritt vor Publikum als Gitarrist und Sänger der Band Hillbilly-Schmitt and the Bluehoon Boys vertraut ist. Die Zweifel legten sich aber schnell, denn seine Führungen kamen vom ersten Tag an sehr gut an. Zu erzählen hat der eloquente Mann mit der hohen Stirn viel, denn er hat sich schon immer für Geschichte interessiert und kommt von hier. Ja, Matthias Koch wurde sogar mit Wasser aus dem Duderstädter Brehme-Flüsschen getauft. Seinen Zuhörern will er jedoch kein Faktenwissen vermitteln. Vielmehr geht es um Geschichten über das Leben im 13., 14. und 15. Jahrhundert.

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Matthias Koch alias Friedrich Wilhelm von Knorr in Arbeitskleidung

Zum Beispiel über das Duderstädter Bier. Drei Liter pro Kopf und Tag tranken die Menschen damals täglich. Geschmeckt haben kann es nicht besonders: Das Wasser war schmutzig, und oft genug wurde die Gerste auch ein zweites Mal gegoren. Dennoch war der Bierverkauf die zweitgrößte Einnahmequelle. Einfluss hatte das Braugewerbe auch auf die Bäcker. Die wurden nämlich immer wieder der Hexerei bezichtigt, weil bei ihnen der Gärprozess besonders gut gelang, während er sonst vom Zufall abzuhängen schien. Koch kennt auch dieses Geheimnis: In den Backstuben waren ständig Hefepartikel in der Luft, die den Gärprozess begünstigten. Der Hexerei wurden die Bäcker also zu Unrecht verdächtigt. Zu betrügen wussten sie dagegen sehr wohl. So nutzten sie Chlorbleiche, um aus ihrem dunklen das begehrtere Weißmehl zu machen. Und teure Rosinen wurden gerne durch getrocknete und gesüßte Fliegen ersetzt. Auch bei der Brötchengröße wurde schon mal geschummelt. Das war allerdings ein gefährliches Spiel. Wer erwischt wurde, dem drohte die »Bäckertaufe«: Festgeschnallt auf einem Stuhl wurde der Beschuldigte dann unter dem Gespött der Öffentlichkeit unter Wasser getaucht. Ein anderes beliebtes Thema ist auch der Henker. Der unbeliebte Beruf reichte allein zum Leben nicht. »Der Henker war meistens auch Hundeschläger, Bordellwächter, Schinder und Latrinenreiniger«, erzählt der Stadthauptmann.

Am Ende seiner Führungen gibt es ein Bier im Gewölbekeller seines Hauses.

Der Antiquitätenhandel und die Rolle als Stadthauptmann passen für Matthias Koch gut zusammen. Da würden Geschmack, Geschichte und Formgefühl Hand in Hand gehen. Am Ende seiner Führungen gibt es ein Bier im Gewölbekeller seines Hauses. Spätestens dann verlieren die Leute ihre Scheu und lassen sich von Koch auch zum Nachtwächter ehrenhalber ernennen. Lampenfieber hat der Mann übrigens jedes Mal — und er will es sich erhalten. »Meine Rolle als Stadthauptmann soll auch für mich etwas Besonderes bleiben.« Wer sich davon überzeugen möchte, sollte einfach eine Führung mit Friedrich Wilhelm von Knorr buchen.

 

Matthias Koch Antiquitäten / Bildereinrahmungen
Haberstraße 28 ∙ 37115 Duderstadt
T (05527) 68 96
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Sprechzeiten
Di—Fr: 15−18 Uhr ∙ Sa: 11−13 Uhr
und nach Vereinbarung