Jeden Sonnabend um 14 Uhr läuten elf Glocken in Duderstadt den Sonntag ein. Das Stadtgeläut – es sind die sechs Glocken der katholischen St.-Cyriakus-Kirche gemeinsam mit den fünf Glocken der wenige hundert Meter entfernten evangelischen Kirche St. Servatius. Das war jedoch nicht immer so. Im 2. Weltkrieg, vom 2. bis 5. August 1942, wurden alle sechs Glocken der St.-Cyriakus-Kirche und eine Glocke der St.-Servatius-Kirche demontiert und für Kriegszwecke eingeschmolzen. Je eine Glocke blieb den Kirchen zunächst erhalten. In den 1950er Jahren wurde das Glockenspiel von St. Servatius vollständig wiederhergestellt. St. Cyriakus – auch als Eichsfelder Dom bekannt – bekam zur gleichen Zeit vier neue Glocken. Für die zwei größten Glocken jedoch fehlte seitdem jedoch immer das nötige Kleingeld. Propst Bernd Galluschke empfand den Klang des Geläuts daher immer als unvollständig. Erst 2011 gelang es unter anderem durch den großartigen Einsatz engagierter Bürger und des Glockenbauvereins an St. Cyriakus die beiden fehlenden Glocken anzuschaffen. Doch auch wenn seine Kirche jetzt wieder eine Glocke mehr als die der Protestanten hat, freut sich Probst Galluschke vor allem am Zusammenklang des Geläuts beider Kirchen.

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Lebendige Ökumene: Eine Glocke in St. Cyriakus wurde von St. Servatius mitfinanziert.

Alle elf Glocken zusammen sind für ihn ein hörbares Signal von Ökumene, ein Schritt zur Verwirklichung seiner Vision von einer geeinten Menschheit. »Sie umzusetzen, gelingt nur gemeinsam«, sagt er. Und diese Botschaft muss auch von der Kirche ausgehen. Wie in der Partnerschaft verlangt das, dass jede Kirche bereit ist, sich zurückzunehmen. In Duderstadt funktioniert das schon ganz gut. So wurde kleinere der fehlenden Glocken in St. Cyriakus, die Ökumene- und Eichsfeldglocke von Protestanten mitfinanziert und sogar vom Papst Benedikt xvi. persönlich geweiht. Ein Tieflader brachte die feierlich geschmückte Glocke mit einem stolzen Gewicht von fast drei Tonnen unter dem Schutz der Bundespolizei zur zehn Kilometer entfernten Wallfahrtskapelle Etzelsbach. Dort zelebrierte Papst Benedikt xvi. am 23. September 2011 eine Marienvesper mit mehr als 90.000 Gläubigen, darunter viele Jugendliche. So viele junge Menschen zieht die Kirche heutzutage nur noch selten an. Da macht sich Bernd Galluschke nichts vor und betrachtet die Glockensegnung eher als eine erfreuliche Randnotiz in der Geschichte.


 Auch ihm sind die jungen Menschen besonders wichtig, schließlich bekommt auch Duderstadt den demografischen Wandel zu spüren. Es muss sich etwas verändern hier. Die Menschen sind sehr religiös, was die gastfreundliche und offene Atmosphäre der Stadt prägt. Gleichzeitig beschleunige diese Tradition nicht gerade Veränderung, so Galluschke. Den jungen Menschen gehe es weniger um Religiosität, sondern vielmehr um Spiritualität, um das Zusammenspiel verschiedener »Wohlfühlarten«, wie er es nennt. Kirche muss den Menschen das Gefühl geben, dass da etwas ist, was ihnen guttut, was dazu beiträgt, eine lebenswerte Welt zu schaffen. Diese positive Erfahrung kann dann jeder in seinen Alltag mitnehmen und sich daran machen, seine Vorstellung vom Christsein umzusetzen. Denn aktiv werden müssen die Menschen immer noch selbst.

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St. Cyriakus, auch Oberkirche oder Eichsfelder Dom genannt

Einen Motor für die Veränderung haben sie in Bernd Galluschke aber mit Sicherheit. Er setzt sich nicht nur für die Ökumene ein. Er kann auch gut mit Jugendlichen umgehen und ist mit den modernen Medien bestens vertraut — und das gilt nicht nur für sein iPhone. Er hat auch eine Facebookseite für St. Cyriakus eingerichtet und erzählt begeistert von einem Flashmob mit 12.000 Jugendlichen anlässlich des Jugendfestivals Let’s bridge in Budapest. Es hat schon seinen Grund, dass die Uhr von St. Cyriakus einige Minuten vorgeht …

 

Kirche St. Cyriakus
Bei der Oberkirche
37115 Duderstadt
T (05527) 8 47 40
duderstadt@kath-kirche-untereichsfeld.de
www.kirche-untereichsfeld.de
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ÖffnungszeitenKath. Propsteipfarramt
Mo—Di: 9−12 Uhr und 15−17 Uhr
Do: 8−10 Uhr und 15−17 Uhr ∙ Mi—Fr: 9−12 Uhr

GottesdiensteSt. Cyriakus
Sa: 17 Uhr ∙ So: 10.30 Uhr und 19 Uhr