Samstags öffnet der Salon von Karsten Thriene schon um sechs Uhr morgens. Alleine steht der Friseurmeister dann nicht da, denn meist warten schon eine Handvoll Kunden vor der Tür — alles Männer. »Diese Öffnungszeit hat mein Opa eingeführt. Da kommen die Kunden, die entweder danach arbeiten gehen oder die auf dem Rückweg nach Hause Brötchen holen«, erzählt Thriene mit seiner sympathischen Stimme. Die erste Stunde ist Entertainment unter Männern. Nur sie, er und seine Schere. »Ich schneide eine Schere ein Jahr. Sie kommt jungfräulich hierher und muss sich an mein Auf und Zu gewöhnen. Ich merke, ob das meine Schere ist. Nach einem Jahr ist die Schere kaputtgeschnitten«, sagt Thriene. Er setzt sie ausschließlich bei Herren an. Den Grundstein dafür legte er während seiner Ausbildungsstation in einem renommierten Kasseler Salon, wo er zunächst das Damenfach für die Meisterschule lernen sollte. Auf der Tür stand »Damen- und Herrensalon«, tatsächlich gab es aber keinen einzigen Herrn. Thriene nahm 200 Visitenkarten, warf sie auf einer Uniparty in die Luft und bot allen Herren zehn Prozent Rabatt. Innerhalb eines halben Jahres standen 130 Herren auf der Kundenliste.


Mittlerweile ist Karsten Thriene nicht nur Meister, sondern auch sein eigener Herr. Er stammt aus einer Friseurfamilie. Den Salon hat er von seinem Vater übernommen und führt ihn nun in dritter Generation. Er leitet den Herrensalon, seine Schwester hätte eigentlich den Damensalon führen sollen, doch sie verstarb 2008. »Vieles von dem, was ich mit meiner Schwester geplant hatte, ist 2012 in die Renovierung eingeflossen«, erzählt Thriene, der nun den größten Salon der Stadt alleine innehat. Elf Mitarbeiter helfen ihm und versorgen auch die Damen und Kinder. Um die widerspenstigen unter den jungen Gästen bei Laune zu halten, hilft ihm ein Erbstück seines Vaters: Eine alte Spieluhr dient zur Ablenkung, wenn es gilt, ruhig auf dem Friseurstuhl sitzen zu bleiben.

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Bringt schon lange Kinder zum Stillsitzen: die alte Spieluhr

Lässig gekleidet, aber konzentriert bei der Sache bietet Thriene seinen Kunden Haarschnitt, Austausch und typgerechte Beratung. Jeder Kunde wird mit Handschlag begrüßt und persönlich betreut. Auch wenn er einen Kunden lange nicht gesehen hat, kann der Friseur an das letzte Gespräch anknüpfen. So entfällt der Smalltalk — dabei weiß vermutlich niemand besser Bescheid über das Leben und Treiben der Duderstädter als Karsten Thriene. Aber Thriene ist vertrauenswürdig. Auch auf seinen Haarschnitt und sein offenes Wort in Sachen Kleidung können sich die Kunden verlassen. »Vertrauen ist wichtig, denn als Friseur kommt man einem Menschen so nahe wie sonst nur der Partner und der Arzt. Die Kunden sollen die Zeit bei uns genießen, mir vertrauen und nicht mit einem Puls von 180 auf dem Stuhl sitzen«, sagt Karsten Thriene. Viel Zeit muss man als Mann bei ihm aber gar nicht mitbringen. Gelernt hat er nach der Uhr. Waschen, schneiden, rasieren und fönen in fünfzehn Minuten. Dabei gelingt es ihm, für jedes Gesicht, zu jeder Erscheinung und aus jedem Haar die richtige Frisur zu schneiden.


Eine gute Frisur erkennt man aus seiner Sicht daran, dass man aus der Dusche tritt, sich die Haare trockenrubbelt, sie hinkämmt und fertig. Die Patentfrisur gibt es nicht, das kann sich bei jedem ändern. Dass er selbst zum Beispiel seit drei Jahren Glatze trägt, hat einen praktischen Grund: »Ich bin Rennradfahrer. Wenn ich früher nach fünf Stunden den Helm abgesetzt habe, sah ich aus wie ein Streifenhörnchen.« Und Duderstadt? »Duderstadt würde ich eine einfache und praktische Frisur verpassen — aber dennoch eine, die sich von allen anderen abhebt.«

 

Salon Thriene
Jüdenstraße 17 ∙ 37115 Duderstadt
T (05527) 64 20
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Öffnungszeiten
Di—Fr: 7−18 Uhr ∙ Sa: 6−12 Uhr
Mo: Geschlossen