Als am 10. November 1989 um 0.35 Uhr die Grenzübergangsstelle Worbis ganz geöffnet wurde, hätten viele Menschen nur eins im Sinn gehabt: die Vergangenheit hinter sich lassen. So erklärt es sich für Horst Dornieden, Bürgermeister der thüringischen Gemeinde Teistungen und einer der Vorsitzenden des Trägervereins des Grenzlandmuseums Eichsfeld, dass die Grenzanlagen zerstört, abgebaut und teilweise verkauft wurden. Dem vorausschauenden Eingreifen von Menschen wie Dornieden ist es zu verdanken, dass mit dem Grenzlandmuseum ein Stück authentische DDR-Geschichte erhalten geblieben ist.


»Wir müssen den jungen Menschen zeigen, wie es war«, sagt einer, der aus dem Niemandsland vor den Grenzanlagen auf der DDR-Seite stammt. Einer von denen, die später über Nacht ins Landesinnere zwangsumgesiedelt wurden, ohne dort wirklich eine neue Heimat zu finden. Paul Schneegans, Geschäftsführer des Grenzlandmuseums, ist ein »Wessi«. Er war drei Jahre alt, als die ersten Zäune hochgezogen wurden. Seine Eltern hatten einen Hof mit Pachtland im Grenzgebiet. »Wir haben mit den Grenzsoldaten geredet. Mit der Faust in der Tasche, aber manchmal ist auch eine Packung Zigaretten rübergeflogen«, erinnert er sich. Doch auch für ihn war an der Grenze Schluss. Um Kontakte nicht abreißen zu lassen, verabredete sich seine Familie mit der Verwandtschaft in der DDR zum Winken auf dem Pferdeberg.

Wir müssen den jungen Menschen zeigen, wie es war. Paul Schneegans

Heute sind Paul Schneegans und Horst Dornieden ein Team. Gewissermaßen sind sie Mensch gewordene Wiedervereinigung. Der erste Schritt dorthin war die Eröffnung des kleinen Grenzverkehrs 1973. Damit entstand die GÜSt Worbis, amtsdeutsch für Grenzübergangsstelle. Das ehemalige Zollverwaltungsgebäude, in dem heute das Grenzlandmuseum sitzt, war ein Teil davon. »Lange Zeit waren das hier bessere Baracken. Doch von 1984 an wurde die Anlage umgebaut«, erzählt Schneegans. Die Arbeiten zogen sich über Jahre hin — so lange, dass die letzten Arbeiter schon in D-Mark bezahlt wurden.

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Museumsstücke als Zeitzeugen

Bis zuletzt wurde auch der Grenzstreifen regelmäßig mit Herbiziden behandelt, damit dort nichts wuchs und Fußspuren sichtbar blieben. Mittlerweile hat die Natur den Streifen zurückerobert. Ohnehin es viel zu viele Fußabdrücke, um einen einzelnen erkennen zu können, denn seit der Eröffnung des Grenzlandmuseums 1995 sind mehr als 800.000 Besucher hier gewesen. Unter ihnen auch Walter Momper, ehemaliger Regierender Bürgermeister von Berlin. »Wenn wir nur einen Teil von dem hätten, was Sie hier haben, wären wir glücklicher«, soll er gesagt haben. Tatsächlich wartet das Grenzlandmuseum mit einigen seltenen Stücken auf — etwa einer Selbstschussanlage. »Davon hat man zwar immer wieder gehört, aber gesehen hat man sie doch nie«, sagt Dornieden. Dem Grenzlandmuseum geht es allerdings gar nicht so sehr darum, einzelne Objekte der Grenzsicherung auszustellen. Paul Schneegans und Horst Dornieden wollen vielmehr die Teilung im Eichsfeld sowie deren Wirkung auf die Region und die Natur dokumentieren. Sie wollen erinnern, wachhalten und ermahnen. Schließlich bricht die »Erlebnisgeneration«, wie sie die Zeitzeugen nennen, mittlerweile weg. Filme und Bücher können nicht leisten, was das Grenzlandmuseum vor allem durch die Außenanlagen, darunter auch leichte Zaunattrappen, die die ehemalige Grenze markieren, aber auch durch die Ausstellung und Veranstaltungen erreicht: unmittelbare Betroffenheit. Die ist am größten, so Schneegans, wenn man die Grenzanlagen bei Dunkelheit ansieht. Dann leuchtet die Lichttrasse wie damals und auf einem Außenmonitor werden Fluchtgeschichten gezeigt. Da entsteht eine Atmosphäre, die auch für den sonst fröhlich wirkenden Schneegans schwer erträglich ist. Man bekommt eine Ahnung davon, wie es damals war. Es waren eben keine Zäune, die man einfach umschubsen konnte.

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Grenzlandmuseum Eichsfeld e. V.
Duderstädter Straße 5–7 ∙ 37339 Teistungen
T (036071) 9 71 12info@grenzlandmuseum.de
www.grenzlandmuseum.de
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Öffnungszeiten
Di—So: 10−17 Uhr und nach Vereinbarung
∙ Mo: Geschlossen

Der Grenzlandweg ist ganzjährig und zu jeder Zeit begehbar.

Bildungsstätte
T (036071) 90 00-0bildungsstaette@grenzlandmuseum.de