Kommen Sie rein, kommen Sie rein«, sagt Dr. Karl Wurm zur Begrüßung mit unverkennbar rheinischem Akzent. Die Rede ist nicht etwa von seinem Wohnzimmer, sondern von dem seltsam offenen und zugleich engen Raum hinter der Orgel der evangelischen St.-Servatius-Kirche. Für Karl Wurm, seine Frau Susanne und die Orgelpatin Ursula Grunau hat dieser Platz dennoch etwas von einem Wohnzimmer. 36 Jahre lang hat Wurm in St. Servatius als moderner und mitunter querdenkender Pastor und Organist gewirkt. Einen beachtlichen Teil dieser Zeit hat er an seiner Orgel verbracht. Schließlich war es das von Jürgen Ahrend 1977 gebaute Instrument, das in ihm erst den Wunsch aufkommen ließ, nach Duderstadt zu ziehen.


Was den Reiz der Orgel ausmacht, dafür findet er auch nach so langer Zeit nur schwer die richtigen Worte. Die »Singularität des Klangs« nennt er es zunächst, doch das trifft nicht das, was er eigentlich ausdrücken möchte. Dann sagt er, die Orgel ersetze ein ganzes Orchester. Immer wieder hält er während seiner Erzählung inne, um seine Ausführungen mit musikalischen Einlagen und vollem Körpereinsatz zu untermauern. Ein Kraftausdruck muss her, um die Qualität dieser Orgel zu beschreiben: »Trompeten in dieser Geilheit kann man nur auf dieser Orgel wiedergeben. Wenn ich einen übermäßigen Dreiklang spiele, ist das, als würde ich den Zuhörern die Zunge herausstrecken«, bricht es endlich aus ihm heraus. Kurz: Etwas Größeres als diese Orgel könne man hier kaum finden — vielleicht einmal abgesehen von dem Geläut der katholischen Kirche St. Cyriakus gegenüber.

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Auch nach seiner Pensionierung spielt der kauzige Herr fast jeden Tag mehrere Stunden, am liebsten Bach. Diese Liebe teilt er mit Ursula Grunau ebenso wie mit seiner Frau. Auch sie ist studierte Kirchenmusikerin, doch nach vier Kindern hatte sie die Musik eigentlich schon aufgegeben. Ein Notstand in Duderstadt brachte sie zurück an ihr Instrument. Früher haben die drei zusammen im Chor gesungen, doch der hat sich 2000 aufgelöst. Die Begeisterung für die Musik hält sie aber bis heute zusammen. Als die Orgel 2011 vollständig zerlegt und gereinigt wurde, war es Ursula Grunau, die in der Orgel herumkroch, um die Reinigungs- und Sanierungsarbeiten aus der Nähe zu begleiten und darauf zu achten, dass alles nach Plan läuft und am Ende wieder funktioniert. Eine ganz schöne Pfriemelarbeit war das. Allein 4.500 Dichtungsringe mussten mit Kaschmir bezogen werden.

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Karl Wurm mit Ehefrau Susanne und Orgelpatin Ursula Grunau

Bisheriger Höhepunkt, da sind sich alle drei einig, war die Aufführung von Bachs H-Moll-Messe anlässlich der Grenzöffnung im November 1989. Schon bei den Proben war die Kirche unglaublich voll. Doch bei der Aufführung standen die Leute bis auf den Vorplatz. Auch Grunau verbindet mit der Ahrend-Orgel weit mehr als die Restaurierungsarbeit. Einmal hat sie gesagt, dass sie sich zu ihrer Beerdigung eine bestimmte Fantasie und Fuge von Johann Sebastian Bach wünsche, am liebsten gespielt von Karl Wurm auf dieser einzigartigen Orgel. So lange wollte der sie aber nicht warten lassen und spielte das Werk lieber schon zu Lebzeiten für Ursula Grunau. Und zwar schon mehrfach.

 

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